21 November 2011

rotes meer




Liebes Tagebuch, 
schon wieder ein neuer Tag und ich lebe immer noch.

"Was machst du da?" Und ich zucke ein bisschen zusammen. Neben mir schwimmt das Rote Meer, aber ich wünsche mir von Tag zu Tag nichts sehnlicher, als dass es ein totes Meer wird, in das ich reinfließe, mit dem ich wegfließe. 
Ein Lächeln, ich schneide weiter.
Wie singt Casper in seinem einen Lied? "Jeder von uns ist Kunst, gezeichnet vom Leben." Dann bin ich ja ein Kunstwerk und du bist mein Künstler, weil du mein Leben warst, hörst du? Fass mal drüber über die Narben. Ich bin mir sicher, du würdest dich nicht trauen, aus Respekt vor deinem Kunstwerk, weil es ... so schön ist, nicht wahr? 
"Hör auf", wimmerst du neben mir, mit nassem Blick. "Geh weh" sage ich trocken. "Es ist gleich vorbei. Aber der Hass, den ich versuche mit jedem Schnitt aus mir herauszuschneiden, der wird erst weg sein, wenn ich tot bin." Und dann fängst du noch mehr an zu weinen. Es tut mir leid, dass du das alles mit ansehen musst.
Ich kann mich selbst nicht mehr im Spiegel ansehen, überall diese Roten Striemen, zieren meinen Körper wie Throphäen. Jeder Narbe erzählt ihre eigene Geschichte. Die ist von damals, als ich als kleines Kind vom Fahrrad fiel. Und die, die war wegen dir. So wie dieses hier. Und bei der, da wäre ich beinahe mit dem roten Meer dahingeflossen, schade nicht? 
Mein Weg ist geebnet, irgendwann werde ich nicht mehr da sein, wann weiß ich nicht. Heute, morgen, übermorgen? Wer weiß das schon. Ich nehme deinen Kopf zwischen die Hände und ein Bluttropfen, landet von meinem Unterarm auf deiner Wange. Es sieht aus als würdest du weinen. Sieht aus als würdest du rote Tränen weinen. Ich küsse deine Stirn. "Bald ist alles vorbei."

"Ritzen?", frage ich mit einem müden lächeln.
"Nein, tattoowieren ohne Farbe."